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Foto: © uschi dreiucker / pixelio.de
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'Gewerbeangelegenheiten'
stand auf dem
Hinweisschild der Stadtverwaltung.
Hocherfreut, dass ich auf
Anhieb im richtigen Gebäude gelandet war, betrat ich die Eingangshalle der
Stadtverwaltung, um mich an der Rezeption nach der Zimmernummer für die Ausgabe
von Gewerbescheinen zu erkundigen. “Gewerbescheine?”, die junge Dame hinter der
Panzerglasscheibe sah mich erstaunt an.
“Hier ist doch das Amt für
Gewerbeangelegenheiten, oder?”
fragte ich leicht irritiert zurück.
“Ja, schon, aber
Gewerbescheine gibt es nicht hier, sondern in einem anderen
Verwaltungsgebäude.”
“Ach so”, sagte ich, “es
gibt noch ein zweites Amt für Gewerbeangelegenheiten?”
“Nein, nur ein Büro in der
Kreiselstraße 118, dort werden Gewerbescheine ausgestellt.”
Ich hatte es eilig,
verdrängte aufsteigende Fragen und machte mich mit meinem Pkw auf die Suche
nach dem Büro für ‘Gewerbescheine’. Etwa einen Kilometer entfernt wurde ich
fündig. Das Büro lag an der Hauptstraße ohne Parkmöglichkeit. So kreiste ich um
die Altstadt, fand einen der letzten freien Parkplätze und machte mich zu Fuß
zurück zum Amt.
“Guten Tag, ich möchte gern
einen Gewerbeschein beantragen.”
“Ja, was für ein Gewerbe
wollen Sie denn ausüben?” fragte mich die Beamtin. Ich trug brav mein Anliegen
vor, doch ehe ich mit meinen Ausführungen zum Ende gekommen war, unterbrach sie
mich: "Haben Sie die Baugenehmigung dabei?"
“Nein, nein, ich will nicht
bauen, die Räume sind bereits vorhanden und werden auch nicht verändert, mir
fehlt nur der Gewerbeschein”, antwortete ich augenzwinkernd.
“Trotzdem brauchen Sie eine
Baugenehmigung vom Planungsamt!”, belehrte mich das junge Ding.
“Ach, ich brauche eine
Baugenehmigung, obwohl ich gar nicht bauen will?”, staunte ich.
“Ja, eine Baugenehmigung und
eine Nutzungsänderungsgenehmigung”, wurde ich aufgeklärt. Schon spürte ich ein
wenig Ungeduld in mir aufsteigen. Nach meinen bisherigen Erfahrungen dauerte
die Beantragung eines Gewerbescheines höchstens fünfzehn Minuten.
“Nun gut”, sagte ich tapfer,
“wenn das so ist, sagen Sie mir doch bitte, wohin ich mich wenden muss.”
Ich bekam eine
Wegbeschreibung zum Bauamt und machte mich auf die Socken. Das Bauamt lag etwa
200 m entfernt vom Amt für Gewerbeangelegenheiten, in dem es keine
Gewerbescheine gibt. Der Vormittag war vorangeschritten und ein Parkplatz kaum
noch zu bekommen. So ließ ich das Auto stehen, um zu Fuß zu gehen.
Leichtsinnigerweise ließ ich mich dazu hinreißen, keinen weiteren Parkschein zu
ziehen.
Ich betrat das imposante
alte Gebäude, fand eine grellgelbe Hinweistafel mit der Aufschrift:
‘Information Bauamt’. Beherzt klopfte ich an die Tür, doch niemand bat mich
herein. Es kostete mich etwas Überwindung unaufgefordert einzutreten, doch ich
war fest entschlossen, heute noch ein Erfolgserlebnis zu bekommen. So öffnete
ich die Tür und ging hinein. Vertraute Geräusche von Druckmaschinen drangen an
meine Ohren, während ich mich mitten in einem Papierlager wiederfand. Sofort
war mir klar, dass dies nicht das Bauamt sondern die Stadtdruckerei war. Das
Bauamt sei in die erste Etage gezogen, informierte mich ein netter
telefonierender Herr indem er mit dem Zeigefinger in Richtung Raumdecke zeigte.
Ich bedankte mich überglücklich dafür, dass ich eine Information über das
Bauamt bekommen hatte, und machte mich auf die Suche nach dem neuen Standort.
Glücklicherweise fand ich bald eine weitere Tür, an der ein Zettel hing:
‘Planungsamt’.
Da auch das Planungsamt
Bauanträge ausgibt, klopfte ich an, bekam jedoch auch hier keine Antwort.
Drinnen hörte ich jemanden lautstark telefonieren. Also setzte ich mich auf den
bereitgestellten Stuhl und blätterte in den ausgelegten Broschüren. Eine halbe
Stunde lang hatte ich so Gelegenheit, mich über den rechtlichen Stand von
Grundstücksbepflanzungen und herabhängenden Zweigen auf Nachbars englischen
Rasen zu informieren. Dann endlich öffnete sich die Tür und ein adretter Herr
mit Frühstückspaket unter dem Arm kam leise pfeifend heraus. ‘Der wird doch
jetzt nicht fortgehen?’, schoss es mir durch den Kopf. Ich sprang auf und
stürzte auf ihn zu: “Guten Tag, mich hat das Amt für Gewerbescheine geschickt.
Sie möchten mir bitte einen Bauantrag aushändigen — aber nicht, dass Sie mich
falsch verstehen, ich möchte natürlich nicht bauen, sondern nur in meinem Anbau
eine Beratungsstelle einrichten”, ratterte ich drauf los, während er sich am
Türschloss seines Büros zu schaffen machte, ohne mich auch nur einmal
anzusehen. Gott sei Dank, kam in dem Augenblick seine nette Kollegin, die mich
schon vor einer halben Stunde auf dem Flur hatte warten sehen, vorbei. Sie
legte ein gutes Wort für mich ein, das Herrn Adrett bewog seine Tür wieder
aufzuschließen. Innerlich jubilierend warf ich der guten Frau einen dankbaren
Blick zu. Die Zeichen standen auf ‘Vorwärts’.
Nachdem ich dem adretten
Herrn mein Anliegen erklärt hatte, fragte er, ob ich denn einen Parkplatz für
meine Kunden hätte. “Ja, natürlich, ich habe sogar zwei Parkplätze vor dem
Haus. Und in der kaum befahrenen Seitenstraße sind auch noch etliche
Parkmöglichkeiten vorhanden”, sagte ich fröhlich. Ich spürte instinktiv, dass
dies wohl ein wichtiger Punkt und eine Voraussetzung für meinen Bauantrag sein
würde. Und so war es.
Herr Adrett aktivierte
seinen Computer und schüttelte den Kopf. “Nein, Sie haben keinen Parkplatz.”
“Wieso habe ich keinen Parkplatz? Als ich heute Morgen losfuhr, hatte ich sogar
zwei schöne gepflasterte Parkplätze!”, stieß ich fassungslos aus.
“Nein, Sie haben noch nie einen Parkplatz gehabt — ich weiß zwar, dass dort
Autos stehen, aber diese Autos stehen in Ihrem Vorgarten!” Mir schoss das Blut
in den Kopf. Meine Autos in meinem Vorgarten? Eine Katastrophe! Mein Vorgarten
hatte eine Grundfläche von 1,5 qm! Wenn dort tatsächlich unsere Autos stünden,
dann müssten sie zwischenzeitlich von einer Schrottpresse auf eine passende Größe
gebracht worden sein! Es konnte sich doch wohl nicht wirklich um meinen
Parkplatz handeln.
“Nein, das muss ein Irrtum sein”, sprach ich mutig aber freundlich. “Mein
Vorgarten ist rechts am Haus und die Parkplätze sind links!” Endlich klärte
Herr Adrett mich auf: “Ihr Parkplatz ist ein ‘Nicht-genehmigter-Parkplatz’,
also ist er kein Parkplatz, sondern bestenfalls ein Pkw-Einstellplatz und
dieser liegt in Ihrem Vorgarten. Sie müssen das verstehen, wenn Sie auf einem
nicht genehmigten Parkplatz parken, dann behindern Sie beim Ein- und Ausfahren
den fließenden Verkehr! Und, wie wir wissen, ist der Verkehr nun mal ein
Problem in unserer Stadt.”
Mein Kopf begann zu glühen,
meine Hände wurden tropfnass, mein Unterkiefer hing etwas blöde herunter und
ich starrte dem Adretten gefühlte Minuten, entgeistert ins Gesicht. “Abgesehen
davon ist es verboten, in Vorgärten zu parken”, schloss er seine Ausführungen
mit einem völlig unangebrachten Lächeln. In meinem Kopf war die Hölle los — was
wollte mir der Adrette jetzt eigentlich sagen? Dass genehmigte Parkplätze den
Verkehr besser in Fluss halten als Pkw-Einstellplätze, doch wohl nicht, oder?
Ich konnte nicht länger so
dastehen und ihn anstarren, Zu groß war die Gefahr, dass ich den
Ermessensspielraum eines Beamten, mit nicht erwünschtem Verhalten, verengen
könnte. Also klappte ich meinen Mund wieder zu, zuckte ein wenig mit den
Mundwinkeln, brachte ein verzerrtes Lächeln zustande und hörte mich langsam
sagen:
“Ja, wenn Sie mir das von
diesem Standpunkt aus erläutern, leuchtet mir das natürlich ein. Ja, Sie haben
vollkommen recht, das ist wirklich ein großes Problem.” Ich heuchelte
Verständnis - machte eine kurze Redepause, um die Wirkung meiner Worte zu
überprüfen und sah, dass Herr Adrett sich entspannt in seinem Bürostuhl
zurücklehnte.
“Was denken Sie, können wir
denn da unternehmen?”, bat ich ihn ehrfurchtsvoll mit sorgenfältigem Gesicht um
seinen gnädigsten Rat. “Tja”, sagte er gönnerhaft, “im Grunde steht einer
Genehmigung nichts im Wege. Gehen Sie einfach zuerst ein Zimmer weiter, dort
ist das Bauamt, in dem Sie alle Anträge bekommen, die Sie brauchen. Sobald sie
die ausgefüllt haben, geht alles ganz schnell! Heißt es doch bei uns: Gestern
gebracht, heute gemacht! Das Projekt hängt jetzt von der Genehmigung der
Stellplätze ab!” Ohne zu widersprechen, verabschiedete ich mich und verließ
kraftlos das Zimmer. ‘Der Mann hat irgendeine Art von Humor’, ging es mir durch
den Kopf, aber mir blieb der Zugang zu Selbigem in meiner Situation
verschlossen.
Eine Tür weiter klopfte ich
zaghaft, ohne wirklich eine Antwort zu erwarten, an die Tür. “Herein!”, rief
eine Stimme zurück. Ein Fünkchen Hoffnung glomm in mir auf. Ich trat ein. Vor
mir saß ein grau getigerter Pullunder von ca. fünfzig Jahren mit zehn straff
zurück gekämmten Haaren. Auf seiner Nase hatte er eine Brille mit zwei
eingebauten Lupengläsern deponiert, die dafür sorgten, dass seine Augen wie
Tischtennisbälle aus dem fahlen Gesicht hervorzuquellen schienen. Es ging mir
nicht gut bei seinem Anblick. Doch ich wusste, dass meine Ausstrahlung sich auf
mein Gegenüber auswirken würde (jedenfalls im richtigen Leben), nahm mich
deshalb noch einmal zusammen und setzte ein dezent freundliches Lächeln auf.
Mit langsamen deutlichen und
wohlüberlegten Worten trug ich mein unverschämtes Anliegen vor und hoffte
inständig, dass mir die Güte des Pullunders weiterhelfen würde. Der Pullunder
sah mich stumm an, drehte dann sehr sorgfältig seinen Bürostuhl um 90 Grad nach
rechts, um langsam aufzustehen. Sein rechter Arm ging zum Mund und eine kleine
rosafarbene Zunge leckte an seinem weißen Zeigefinger. Dann bewegte sich der
Arm in Richtung Regal und fischte ein DIN-A4 Blatt heraus, legte es nach einem
prüfenden Blick in die linke Hand und wanderte wieder in Richtung Mund. Ein
Anflug von Hoffnung keimte in mir! Ich sollte endlich ein Stück Papier zum
Ausfüllen bekommen! Ich hasse es normalerweise Fragebögen auszufüllen, aber in
diesem Augenblick hatte ich das Bedürfnis, meine Freude über das, was da kommen
sollte, auszudrücken: “Ach bin ich froh, dass ich bei Ihnen die richtigen
Papiere endlich bekomme. Wissen Sie, ich bin schon seit Stunden unterwegs, ohne
dass mir jemand weiterhelfen konnte.” Ich hielt dies für ein nettes
Vorab-Kompliment und hatte erwartet, dass er sich zumindest mit einem Lächeln
bedanken würde. Aber nichts dergleichen geschah. Der Pullunder stapelte Papier
in seine linke Hand und schleckte sich dabei bedächtig die Finger der rechten
Hand. Ich sah ihm schaudernd zu und fragte mich, ob es nicht sinnvoller wäre,
mir den gesamten Inhalt des Regals zu reichen, aber das behielt ich für mich.
Pullunder wurde fertig mit
dem Stapeln von Papier, übergab mir würdevoll das kostbare Gut und sprach:
“Füllen Sie die Formulare sorgfältig aus und bringen Sie sie dann wieder
vorbei.” Ich quetschte mir ein Lächeln ab, bedankte mich überschwänglich für
die prompte Bedienung und verschwand, so schnell ich konnte, aus dem
ehrwürdigen Gebäude. Hinter meinem Scheibenwischer klemmte zu allem Überfluss
ein Knöllchen ...
Ich bin ein
ordnungsliebender Mensch, jedenfalls, wenn es um Papiere und Dokumente geht. So
machte ich mich zu Hause angekommen, sofort daran, die fünfundzwanzig
Fragebogen auszufüllen und anzukreuzen, Kopien von Grundriss und Lageplan zu
fertigen, beantwortete all die sinnlosen Fragen, so gut ich konnte, und es
gelang mir sogar, zu erklären, weshalb ich gern arbeiten und Geld verdienen
wollte und wieso ich einen Bauantrag stellte, obwohl ich gar nicht bauen
wollte.
Mittlerweile war es fast elf
Uhr und um zwölf Uhr schloss das Amt.
Also schwang ich mich mit meinem
schleunigst angelegten Ordner in mein Auto, fuhr wie der Teufel zum Bauamt
zurück und klopfte stolz und pflichtbewusst an die Pullundertür: “Da bin ich
wieder, habe alles so gut ich konnte ausgefüllt und sämtliche Pläne von den
Räumen, an denen ich nichts verändern möchte, dazu gelegt.” Zugegeben,
insgeheim hoffte ich, dass mein prompter Gehorsam und die unverzügliche
Ausführung seiner Wünsche und Anordnungen, Pullunder beeindrucken und er mir
deshalb wohlgesonnen sein würde. Pullunder rutschte mit seinem Bürostuhl an den
Tresen, der mich von ihm trennte. Wie sich noch herausstellen sollte, hatte
dieser eine für ihn lebenswichtige Funktion. Er wies mich an Platz zu nehmen,
sodass ich gerade noch mit dem Kopf über die antike Beamtenschutzsperre schauen
konnte. So ähnlich müssen sich kleine Kinder fühlen, wenn sie sich bei ihrer
eigenen Geburtstagsfeier ein kleines Stückchen von ihrem Kuchen nehmen wollen.
Mir ging es inzwischen
wieder besser, hatte ich doch endlich etwas in die Wege leiten können, jetzt
fehlte nur noch der Stempel vom Pullunder, mit dem ich mir dann meinen
Gewerbeschein im Auslagerungsbüro des Amtes für Gewerbeangelegenheiten abholen
konnte. Ab morgen würde ich dann endlich arbeiten können!
Zunächst aber wollte
Pullunder gemeinsam mit mir sehen, ob alles korrekt ausgefüllt war. Pullunder
begann in meinen Papieren zu lesen, sortierte zunächst fünf Bogen aus und warf
sie in den Papierkorb. “Die hätten Sie nicht auszufüllen brauchen”,
kommentierte er. Ich verkniff mir die Frage, weshalb er sie mir dann mitgegeben
habe. Möglicherweise hätte er mich für patzig gehalten. Das wäre nicht in
meinem Sinne gewesen. Pullunder meinte es offensichtlich gut mit mir, denn er
fand schnell eine kleine Unordentlichkeit in meinen Unterlagen. Im Lageplan war
mein zukünftiger Seminarraum als ehemaliger Wohnraum eingetragen. “Oh” hauchte
ich errötend. Ich wagte es sogar, mich sehr vorsichtig ein kleines Stück von
meinem Stuhl zu erheben und einen Blick über den mir zugewiesenen Horizont zu
erhaschen: “Wenn Sie mir vielleicht Ihren Bleistift kurz ausleihen könnten,
dann ändere ich das schnell.” Dabei deutete ich, in der Erwartung, dass er
meine Bitte erfüllen würde, auf den Stift der neben ihm lag.
“Nein.” Pullunder schüttelte
sehr langsam seine zehn Speckhaare.
“Nein, nein“, sagte er noch einmal bedächtig und geheimnisvoll.
“Nein?”, fragte ich verunsichert.
“Nein!”, wiederholte er “ich gebe Ihnen den Antrag wieder mit nach Hause.”
“Aber nein”, sagte ich mit einem verkniffenen Lächeln und schweißgebadetem
Gesicht.
“Ich ändere das hier schnell, dann ist die Sache vom Tisch, ist ja viel
einfacher.” Das aber war eine völlig unüberlegte, naive Äußerung und ein
Zeichen dafür, dass ich noch immer nicht realisiert hatte, mit wem ich es zu
tun hatte. Ich Dummkopf hatte nicht bedacht, dass, wenn eine behördliche Sache
vom Tisch ist, man sie nicht mehr bearbeiten kann! Nichts auf dem Tisch zu
haben, bedeutet für einen an sich schon überflüssigen Beamtenposten natürlich
auch: Bei ihm zu Hause kommt nichts mehr auf den Tisch! Dabei spielt es keine
Rolle, dass bei mir nichts mehr auf dem Tisch ist, weil ich arbeitslos bin und
verzweifelt versuche, durch ehrliche Arbeit ein paar Moneten zu verdienen,
damit wieder etwas Essbares auf meinen Tisch kommt. Pullunder kann ja nicht
ahnen, dass er nur dann etwas auf seinen Tisch bekommt, wenn ich etwas auf
meinem Tisch habe, von dem ich ihm etwas abgeben kann! Aber ich wollte den
Pullunder nicht überfordern.
Er konnte schon nicht
begreifen, wie ich es wohl fertigbringen wollte, das Wort ‘Wohnraum’ mal
schnell gegen das Wort ‘Seminarraum’ auszutauschen. “Nein! Nein!” Doch nicht
genug damit, dem Herrn Pullunder gefielen auch meine Formulierungen bezüglich
der Art meines geplanten Unternehmens nicht, außerdem wollte er genau wissen,
wie viele Personen an meinen Seminaren teilnehmen würden! Wie um Himmels Willen
sollte ich dieser armen Kreatur, die dort so verbissen um den Erhalt seines
überflüssigen Arbeitsplatzes kämpfte, die Prinzipien der freien Marktwirtschaft
erklären? Wenn ich wüsste, wie viele Teilnehmer in meine Seminare kommen würden
— mein Gott, dann könnte ich mir eventuell ein tolles Haus für diesen Zweck
anmieten, für das schon sämtliche Anträge vor Jahren genehmigt worden waren.
Ich sah flehentlich lange und tief in diese mausgrauen Augen — doch mir wogten
nur eisige Kälte und haltlose Leere entgegen.
Doch dann geschah etwas
Unerwartetes. Irgendetwas muss doch in meinem Ausdruck gewesen sein, das Pullunder
erreicht hat. Er wandte seinen Blick von mir ab, um etwas wirklich Großartiges
zu tun: Pullunder griff nach seinem heiligen Bleistift und begann, meine
ungenügenden Ausführungen über Sinn und Zweck meines nicht geplanten
Bauvorhabens, zwecks Erreichung eines Gewerbescheins, der keine Angelegenheit
des Amtes für Gewerbeangelegenheiten ist, neu zu überdenken! Und er legte seine
ganze geistige Kraft und Kompetenz in diese Arbeit! Er setzte zum Schreiben an,
hielt inne, setzte wieder an, zögerte noch einmal, um wieder und wieder seine
Gedanken zu sortieren und auszufeilen. Ich faltete meine Hände. Nein, obwohl
ich allen Grund gehabt hätte, ein flehentliches Gebet zu sprechen, so war dies
lediglich der Versuch, meine mit aller Macht aufsteigenden Gefühle von Wut und
Ohnmacht unter Kontrolle zu halten.
Meine Hände spürten den
Drang, diesem Mann den Bleistift zu entreißen, ihn von seinem Thron zu zerren,
meine Papiere über seinem Haupt zu zerfleddern und ihn mitsamt seinem
lächerlichen Pullunder aufzurippeln und als Knäuel aus dem dreifach verglasten
Fenster zu werfen. Stattdessen blieb ich regungslos sitzen, während das
Schwitzwasser mir am Körper herunterlief. Ich wagte kaum zu atmen, aus Angst,
eine unerwünschte Störung in seinem Denkprozess auszulösen. ‘Durchhalten’,
hämmerte es in mir. Es war fast zwölf Uhr und eigentlich hätte Herr Pullunder
sich längst mental auf sein Mittagessen vorbereiten müssen. Es konnte also
nicht mehr lange dauern.
Meine Fingerknöchel knackten
und waren vom Zusammenpressen schneeweiß, als nach fast einer halben Stunde
fünf komplette Sätze auf meinem Antrag neu formuliert und umgeschrieben waren!
Ich atmete erleichtert aus. “Das war aber nett von Ihnen!” stieß ich hervor,
“Da brauch' ich nicht noch einmal den Weg hierher machen!”
“Nein, nein ...”, sprach Pullunder bedeutungsvoll. Ich bildete mir ein, dass
einen kurzen Augenblick lang, ein zynisches Lächeln über sein aschfahles
Gesicht huschte. als er weitersprach: “Ich sagte doch schon: Ich gebe Ihnen den
Antrag gleich wieder mit.”
Ich war fassungslos. Leise
wandte ich ein, dass ich doch dieses Formular, das er kompetent perfektioniert
hatte, jetzt unterschreiben könne, und dann wären doch die Papiere dank seiner
Hilfe fertig!
“Nein, nein, hier fehlt zum Beispiel noch die Angabe der Quadratmeter!”
Na, das war nun Gott sein Dank kein Problem, denn ich hatte sämtliche Baupläne
dabei und alle Zahlenangaben parat. “Vier Mal sieben Meter ist der Raum groß,
also genau achtundzwanzig Quadratmeter!”, teilte ich ihm erleichtert mit.
Pullunder ignorierte dies aber und schrieb stattdessen auf meinen Antrag:
›Seminarraum: X x Y = Z‹. “Hier können Sie zu Hause die entsprechenden Zahlen
nachtragen.” Mir fehlten die Worte und selten habe ich mich so ohnmächtig und
ausgeliefert gefühlt — dies konnte nur ein Albtraum sein. Ich machte noch
einmal einen verzweifelten Vorstoß und bat ihn mit sanfter aber gebrochener
Stimme, doch bitte einfach die Zahlen: 4 x 7 = 28 hinzuschreiben.
“Nein, nein”, lächelte
Pullunder, “das gehört nicht zu meinen Aufgaben, normalerweise hätten Sie zu
einem Architekten gehen müssen! Aber ich bin ja gerne behilflich.”
Ich schnappte nach Luft, um nicht doch noch die Kontrolle über meine Emotionen
zu verlieren, und krallte mich in dem schwarzen hölzernen Tresen fest. Erst
jetzt bemerkte ich, dass in ihm nicht nur abgebrochene Äxte, Scheren,
Nagelfeilen, Gartenhacken und ausgerissene Fingernägel steckten, sondern auch
einige mehr oder weniger gut erhaltene Zähne, die sich ähnliche Deppen, wie
ich, schon früher ausgebissen hatten.
Und hier, in diesem
unerträglichen Augenblick, machte sich meine gute Kinderstube bezahlt. Ich
stand langsam auf, sah einige Sekunden auf das armselige Häufchen Pullunder
herunter, als mich plötzlich tiefes Mitleid mit diesem alten Fetzen überkam.
Wie er da auf seinem Stuhl hing und jahrein, jahraus in diesem dunklen,
miefigen Loch sitzen musste und nichts hatte, als zehn fettige Haare, einen
Altkleider-Pullunder, einen Bleistift und ein kaltes steinernes Herz, das sich
vermutlich schon seit fünfzig Jahren genauso fühlte, wie ich mich in diesem
Augenblick. Ja, es stieg sogar Dankbarkeit in mir auf, als ich an all’ die
Menschen aus meinem Alltag dachte, über die ich mich hin und wieder ein wenig
ärgerte. Sie erschienen mir plötzlich völlig unproblematisch und umgänglich,
und ich war froh, dass keiner unter meinen Freunden und Verwandten so ein
bedauernswertes Geschöpf war, wie dieses hier.
Nun, einen Architekten hätte
ich mir ohnehin nicht leisten können und möglicherweise hätte ich dann noch
zusätzliche Formulare mit nach Hause nehmen müssen, auf denen ich eine
Unterbringungsmöglichkeit für diesen hätte nachweisen sollen, in der der Herr
Architekt sich ausgiebig mit meinem ungeplanten Umbau hätte beschäftigen können.
“Ich bedanke mich herzlich
für die Mühe, die Sie uns gemacht haben, ohne Sie hätte ich das nicht so
hinbekommen”, hörte ich mich müde sagen und das war nicht gelogen. Dann machte
ich, dass ich wegkam. “Denken Sie daran, dass Sie alles sorgfältig ändern und
unterschreiben!”, hörte ich noch, als ich die Tür hinter mir zuzog. Mir war
kotzübel, ich hätte gern etwas sehr Verbotenes getan.
Aber im Nachhinein, wenn
ich's mal recht überlege, hatte ich einen sehr guten Tag, denn ich bin nicht
wegen gefährlicher Körperverletzung im Gefängnis gelandet, ich weiß jetzt, wie
man einen Bauantrag ausfüllt, ich weiß, dass ich hilfsbereite, unkomplizierte
Menschen meine Freunde nenne und vor allem weiß ich, dass im Bauamt gemauert
wird. Nur deshalb heißt es so.
Tag 2.
Punkt neun Uhr
stand ich mit meinen Papieren im Zimmer von Herrn Pullunder, denn seine Bürotür
stand offen. Doch ich war allein. Kein Pullunder weit und breit. Nur seine
heiligen Stempel standen provozierend auf dem Schreibtisch herum und grinsten mich
teuflisch lockend an. Aber wie gesagt, ich hatte ein gutes Elternhaus. Also
setzte ich mich wieder auf meinen Stuhl in den Flur und wartete. ‘Es wird ihm
doch nichts zugestoßen sein?’, sorgte ich mich. Dass so ein penibler Pullunder
nicht pünktlich auf seinem Bürostuhl sitzt, wo er doch viele hoffnungsvolle
Bauanträge zu bearbeiten hat, und noch dazu das Büro mit all den wichtigen
Unterlagen und Stempeln so unbeaufsichtigt, für jedermann zugänglich offen
stehen lässt, konnte ich mir einfach schwer vorstellen. Es vergingen fünf
Minuten, als ich am Ende des Flures Schritte hörte. Ich drehte mich um: Ja, er
war es! Gott sei Dank gesund und arbeitswillig. Ich sah ihm freundlich lächelnd
entgegen, um ihm einen Guten Morgen zu wünschen. Den wünschte ich ihm heute
mehr als irgendjemandem sonst. Als er fast auf meiner Höhe angelangt war und
ich den Mund öffnete, da fiel Herrn Pullunder ein, dass er dringend eine
Information in den Unterlagen suchen musste, die er unter dem Arm trug. So
geschah es, dass er mich im Vorbeiblättern glatt übersah, schnurstracks in sein
Zimmer eilte und die Tür hinter sich schloss.
Während ich noch mit
geöffnetem Mund da saß, lief Herr Adrett an mir vorbei, der die Szene
beobachtet hatte. “Na!”, rief er mir aufmunternd lächelnd zu, “Rein ins Bauamt,
abgeben und dann geht's los!” Dabei machte er so eine eigenartige Schubbewegung
mit seinem rechten Arm, als wolle er mich auf Trab bringen. Seine Worte sollten
mir wohl Mut und Zuversicht vermitteln, und da ich das dringend brauchte, nahm
ich die Aufforderung dankbar an und stürmte Pullunders Büro.
Pullunder sah sich
schweigend und sorgfältig - lange und konzentriert und genauestens meine
Papiere an, dann holte er unter seinem Schreibtisch ein Radiergummi hervor und
radierte pedantisch seine eigenen Eintragungen vom Vortag aus meinem Antrag
aus. Ich hatte nicht gewagt sie auszuradieren und die halbe Nacht damit
verbracht, mich zu fragen, ob er das von mir erwarten würde oder lieber selber
handhaben wollte. Die Gummikrümel sammelte er einzeln mit dem Zeigefinger auf,
drückte sie zu einem kleinen Klümpchen fest zusammen und legte dieses zur
weiteren Verdichtung — vermutlich, weil er sich daraus ein neues
Gebrauchtradiergummi presste — unter ein dickes verstaubtes Buch mit dem Titel:
“Effektives, rationelles und kostensenkendes Arbeiten für die Bürger unserer
Stadt” aus der Reihe: “Der Deutsche Beamte”, Band I, 2. überarbeitete Auflage,
1877.
“In Ordnung”, sagte er
knapp. Ich konnte es nicht glauben! In weiser Voraussicht hatte ich die Parkuhr
draußen schon mal für zwei Stunden gefüttert! Und jetzt war alles in Ordnung?
Sollte schon alles vorbei sein?
Ich muss gestehen, ich war
ein wenig enttäuscht, eigentlich hatte ich etwas mehr von Pullunder erwartet.
Nun gut, ich lächelte ihn glücklich an und wartete. “Gibt es noch etwas?”,
fragte mich Pullunder nach einer Weile. “Ich hätte jetzt gern die Genehmigung,
damit ich im Auslagerungsbüro meinen Gewerbeschein beantragen kann”, grinste
ich verlegen mit hochgezogenen Augenbrauen und ohne die Zähne wirklich zu
öffnen. Pullunder schob meine Papiere hinten links auf seinem Schreibtisch
unter einen riesigen Berg von Akten. “Sie bekommen von uns eine Nachricht, wenn
es so weit ist”. Also doch! Pullunder hatte doch mehr drauf, als ich grade noch
dachte. “Ach sooo?”, sagte ich, “wann denken Sie, wird das sein?” “Das kann ich
Ihnen auch nicht sagen”, schüttelte Pullunder seinen nichtwissenden Kopf. “Na”,
versuchte ich es noch einmal, “so ungefähr, ich kann gern in zwei oder drei
Stunden wiederkommen! Das macht mir absolut überhaupt gar nichts aus!” “Nein,
nein, also vier bis sechs Wochen brauchen wir mindestens für die Bearbeitung
und vorher dürfen Sie auch nicht mit dem Umbau anfangen”, wagte Pullunder mir
ins Gesicht zu sagen. “Vier bis sechs Wochen?!”, rief ich ungläubig. “Ich muss
doch arbeiten und Geld verdienen, wovon soll ich in der Zeit leben — abgesehen
davon gibt es doch nicht das Allergeringste umzubauen!”, versuchte ich
flehentlich ihn umzustimmen. “Das liegt nicht in meinem Sachbereich, stellen Sie
beim Amt für Soziales einen Antrag auf einen Kredit.” Sprach's und wendete sich
wichtigeren Dingen zu.
Ich war tief enttäuscht. Da
wollte ich meiner Arbeitslosigkeit ein Ende machen und hatte eine Möglichkeit gefunden,
mein Brot wieder selber zu bezahlen und nun dies. Auf der Fahrt nach Hause fiel
mir wieder ein, was Herr Adrett mir in Aussicht gestellt hatte: „Gestern
gebracht, heute gemacht!“ So ergab ich mich in mein Schicksal und wartete auf
die ersehnte Post vom Bauamt. Wartete, wartete ...
Ich mache es kurz.
zwanzig
Jahre später war mein Bauantrag vermutlich noch in Bearbeitung, jedenfalls habe
ich nie wieder etwas von ihm gehört. Im Nachhinein betrachtet, eine gute
Entwicklung, denn schon einige Wochen nach der Odyssee, öffnete mir der Lauf
des Lebens eine Tür, hinter der etwas völlig anderes auf mich wartete als das,
was ich geplant hatte. Vielleicht könnte man sogar sagen, dass ich ohne Herrn
Pullunder nie diese Tür gefunden hätte. Manchmal schickt der Himmel seltsame
Boten, deren Funktion man erst später erkennt.
dandelion
Aus: Fluffige und andere Zeiten